

25.09.1979 (Gisela)
Manche von euch haben gewusst, dass ich den ganzen Monat August und darüber hinaus, im Ganzen 5 Wochen, ohne meine Familie durch Tansania gereist bin. Ich habe mich einer von der Aktion Partnerschaft 3. Welt" in Deutschland organisierten Reisegruppe hier angeschlossen. Diese über 50 meist jungen Leute hatten sich seit über einem Jahr in 6 gemeinsamen Wochenenden auf die Reise vorbereitet. In Daressalam waren wir eine Woche alle zusammen, dann verstreuten wir uns in 10 Untergruppen über das ganze Land.
Von unserem Programm in Dar möchte ich euch von unserem Besuch in der Fahrradfabrik erzählen. Sie ist die Erste ihrer Art in Tansania, wurde 1978 begonnen und September 78 offiziell eröffnet. In den Zeitungsberichten seit der Eröffnung hatte uns schockiert, dass der zunächst bekannt gegebene Endverbraucherpreis später um 50 % angehoben wurde. Die Fabrik produziert z. Zt. 5ooo Fahrräder im Monat und deckt damit 15 bis 20 % des tansanischen Bedarfs. Wenn sie voll ausgebaut ist, soll sie 2 ½ Mal so viel produzieren. Alles Rohmetall wird eingeführt, aber die gesamte Verarbeitung (Biegen, Schweißen, Schraubenherstellung) geschieht hier. Alle Maschinen (mittlere Technologie, nicht hoch automatisierte) und alle Fachkräfte kommen aus Indien. Eine wohltuende Erfahrung waren für mich diese Inder. Sie kommen aus der Gegend von Delhi, arbeiten im Auftrag ihrer Regierung, haben beinahe alle ½ Jahr Swahili-Sprachkurs gemacht, ehe sie herkamen. Ich fragte sie nach den sonst hier in Ostafrika ansässigen Indern, und sie antworteten: Ja, die Gujarati, die sind ja Händler und Geschäftsleute, wir aber sind Staatsbeamte". (Gujarat ist eine Provinz an der Westküste Indiens). Diese Delhi-Inder sahen ihre Ausbildungs-Aufgabe hier als eine partnerschaftlich-freundschaftliche, sie blickten weder mit Worten noch mit Mienen oder Tonfall auf die dummen" Afrikaner herab. Sehr im Unterschied zum Normalverhalten der Überzahl der hier ansässigen Gujarati. Sachlich erzählten sie, dass die Maschinenausstattung hier genau so wie in einer Fahrradfabrik in Indien sei. Dass die Arbeitsleistung eines Inders an diesen Maschinen dreimal so hoch sei wie die der afrikanischen Arbeiter hier. (Der Arbeiter, der z.B. eine Stange zum Biegen in eine Maschine einlegt, bestimmt das Arbeitstempo mit einem Fußpedal). Meine Frage nach den Gründen, warum der Endverkaufspreis jetzt so hoch sei, haben wir nicht befriedigend beantwortet bekommen. Vielleicht hatten die indischen Kalkulatoren mit größerem Ausstoß gerechnet. Genannt wurde, dass die Arbeiter noch nicht voll eingearbeitet seien. Und dass die allgemeinen Unkosten für die Fabrik, solange sie noch unter Kapazität arbeitet, unverhältnismäßig hoch seien.
Sehr beeindruckt hat mich auch ein Besuch in einer Künstlergenossenschaft in Dar. Sie wurde von einer amerikanischen Ordensschwester (Mary Knoll Kongregation), die selber Künstlerin ist, aufgebaut. Die Künstler der Genossenschaft sind meist ehemals arbeitslose Schulabgänger in Dar. Mit 3 bis 4 Leuten fingen sie an, jetzt sind es über 50. Dabei sind Holzschnitzer, andere ritzten Bilder in große bauchige Kalebassen, entwarfen Muster für Stoffe, Batiken usw. Die Schwester will die Genossenschaft allmählich von sich unabhängig machen, einige Mitglieder lernen jetzt Buchführung usw. Ihren Absatzmarkt hat sie vor allem in USA und Kanada, wohin sie mit einigen Mitgliedern eine Ausstellungsreise machte. Ich (wir) bin fasziniert von der Persönlichkeit dieser Schwester; z.B. dass sie nach über 10 Jahren im Land sagt, sie hätte noch wenig von den Afrikanern verstanden; z.B. sagte sie über die Andersartigkeit der Tansanier, dass, was bei uns als Unehrlichkeit gelte, hier nicht als solches gebrandmarkt würde. Ich traf in Dar auch eine andere Dame, eine Deutsche, seit 1 ½ Jahren hier, die die Unehrlichkeit" der Afrikaner moralisch verurteilte und meinte: Wenn sie Christen sind, müssen sie doch ehrlich sein" es war ihr nicht einsichtig zu machen, dass nicht jeder Christ sich verhalten müsse wie ein Europäer.
Die Ordensschwester bat uns um 50 kg Farbe von BASF für die Stoffe, Geld habe die Genossenschaft, aber die Bank Tansanias hat ihr keine Einfuhrgenehmigung gegeben. Ohne die Farbe kann sie nicht weiterproduzieren. Die Genossenschaft wolle die Bezahlung in Tansaniaschillingen an ein von uns zu nennendes Entwicklungsprojekt vornehmen.
Dasselbe Problem wurde in einer anderen Genossenschaft an uns herangetragen. Die Devisenvorräte Tansanias sind absolut zu Ende. In Daressalam wie in Moshi standen im August die Laster nach Diesel und die kleinen Leute nach Kerosin für ihre Lampen einen geschlagenen Tag lang Schlange, wenn es welches gab. Auch bei uns im Haus kochten wir bis vor ein paar Tagen mit Holzkohle oder im Garten über offenem Feuer (weil es kein Gas für unseren Herd gab). Benzin fürs Auto kriegte ich noch immer, verkauft wird nur noch von Montag bis Donnerstag. Die Devisenvorräte Tansanias sind absolut zu Ende, mit einer für uns kleinen Spende könnte die BRD diesem Land in seiner Notlage aufhelfen. Aber die BRD ist wohl selber zu arm, als dass sie noch Gelder abzweigen könnte. Ich hatte immer gedacht, dass man in der BRD, egal zu welcher politischen Schattierung man gehört, die Schreckensherrschaft Amins in Uganda verdammte. Und nun hat, soviel ich weiß, Tansania die Waffen für die Beseitigung Amins allein bezahlt.
An praktischem Verhalten haben die Teilnehmer unserer Reisegruppe in diesen 4 Wochen eine ganze Menge gelernt: sie waren am Schluss ganz geduldig geworden. Alle Zimmervorbuchungen, die unsere tansanischen Gastgeber für uns in Dar (der Nationale Christenrat von Tansania Christian Council of T.) und ich in der kleinen Stadt Bagamoyo bei Dar gemacht hatten, waren so ziemlich danebengegangen. In unserer zu einem katholischen Zentrum gehörenden Absteige in Dar sagten sie uns bei unserer Ankunft: Jawohl, sie hätten unsere Buchung. Aber sie könnten nun die anderen, die noch in den Zimmern wohnten, nicht einfach rausschmeißen. Sie seien schließlich ein christliches Haus. Zu unserem Schiff, das 7 von uns nach Lindi in der SO-Ecke von Tansania brachte, gingen wir tagelang immer mal wieder hin, um nach der voraussichtlichen Abfahrtszeit zu fragen. Dass Busse morgen" oder häufig oder regelmäßig führen, ist ja in Tansania weithin nicht eine wörtlich zu verstehende Aussage, sondern sozusagen eine geistliche: Sie gibt der Seele Trost. Beispiel: In Lindi bekamen wir einen Busplatz bis Tunduru, und dazu sagte man uns: Von hier geht nur ein Bus täglich, aber dann von Tunduru zur Weiterfahrt, da fahren viele. In Tunduru angekommen, hörten wir, dass im Schnitt so alle zwei bis drei Wochen ein Bus weiterführe.
Aber jetzt greife ich schon voraus mit unserer Reiseroute. Vielleicht müsst ihr jetzt die Landkarte holen. Ich war bei denen, die in den touristisch völlig unerschlossenen Süden fuhren. Eine Kleingruppe wollte zwei Wochen in dem Ujamaadorf Litowa sein; ein Filmteam wollte einen Film über Litowa drehen. Litowa ist ein Dorf, das in dem Buch von K. Wenner: Shamba Letu. Kibbuz in Afrika" beschrieben wird. Litowa liegt in der Nähe der Stadt Songea in der SW-Ecke Tansanias, ebenso wie das Dorf Hanga, in dem drei Studentinnen der Reisegruppe und ich zwei Wochen waren. Auf der Fahrt bis Hanga und dann nachher zurück nach Moshi habe ich einen ganzen Teil des Riesenlandes Tansania gesehen. Die 40 Stunden auf dem Frachtschiff waren sehr schön. Das Fahrttempo betrug wenige Knoten. Wir fuhren zu Zweit auf dem Indischen Ozean, um das Festland sehen zu können, nur einige Inseln sahen wir. Dann zwei ganztägige Busfahrten bis Songea. Dieser südliche Teil Tansanias war bis zur Unabhängigkeit Moçambiques 1975 militärisches Sperrgebiet und für Reisende gesperrt. Für die Rückfahrt von Songea nach Moshi, grob gesagt, immer nach Norden, saß ich vier ganze und zwei angebrochene Tage im Bus. Beinahe alle Straßen auf dieser Reise waren, zum Teil befestigte, Sandwege. Reiseproviant kauften wir auf den Märkten ein: Kokosnüsse, Maisküchlein und anderes Fettgebackenes, Apfelsinen, Papayas (eine große, sehr wässrige Frucht), Bananen. Die Afrikaner kauten im Bus auch Zuckerrohr, dessen hartes Äußeres sie mit den Zähnen abreißen (hier öffnet man auch Bierflaschen mit den Zähnen), und im Süden kaut man Maniok (Cassava), das gekocht dort Grund- und Hauptnahrungsmittel ist, ungekocht schmeckt es wie reine Stärke. Der Bus macht alle paar Stunden eine Pause, dann kann man in kleinen Wirtshäusern Tee trinken oder warm essen, zumindest Reis mit etwas Rindfleisch oder einem Stückchen Huhn. Wenn der Bus nur zum Ein- und Aussteigen hält, kann man durchs offene Fenster Proviant einkaufen von den Dorfbewohnern. Im Bus bietet man sehr häufig seinen Nachbarn von seinen Esssachen an.
Bis auf den schmalen Küstenstreifen ist ja ganz Tansania Hochland, 900 m hoch, wie in Moshi, oder 1200 m, wie in Songea, wo wir waren. Und dazu eigentlich immer Ausblick auf Berge oder Bergketten in einiger Entfernung. Die fotografierfreudigen in unserer Gruppe hätten am liebsten dauernd ihren Fotoapparat gezückt. Für Industrie und Städte geplagte Deutsche ist die Landschaft Tansanias ein Paradies. Die große Weite und die geringe Bevölkerungsdichte. Zwischendurch kann man mal 20 km fahren, ohne auf ein Dorf oder eine Ansiedlung zu stoßen. Dass die Bevölkerung in den Dritte-Welt-Ländern zu groß wird, ist ja eine Erfindung der Europäer. In Tansania gibt es weite Gegenden unerschlossenen Busches". Buschland heißt wohl regelmäßiger lockerer Baumbestand, nur von weitem wirkt er wie dichter Wald. Und das ist in Tansania potentiell fruchtbares Land. Hunderte Kilometer Küsten einwärts wachsen Kokospalmen und gibt es, zum Teil plantagenartig angelegt, Cashewnussanpflanzungen. Mangobäume (ein sehr süßes, gelbfleischiges Obst), Apfelsinen. Wild wachsende große Bäume flammen mit großen roten Blüten, oder die lila blühenden Jacarandabäume.
Dass wir die Wohngebiete traditionell verschiedener Völker passierten, merkte ich an den verschiedenen Hausformen. Dass die Menschen verschieden aussehen (so wie wir den Typ eines Franzosen von einem Deutschen unterscheiden), fiel uns schon auf. Ihre eigenen Sprachen sprechen die Menschen zu Hause und unter Dörflern, in der Schule und mit uns sprechen alle Swahili. Die Kleidung ist heute landesweit einheitlich, die Männer sind europäisch gekleidet, allerdings in Moslemgegenden tragen sie häufig ein Lendentuch (manchmal über der europäischen Hose) und eine weiße langärmlige Jacke. Die Frauen tragen ein europäisch geschnittenes kurzes Kleid, darüber aber immer zwei Tücher, eins als Wickelrock, eins um den Oberkörper geschlungen. Einmal im Süden und einmal vor der Hauptstadt Dodoma durchfuhren wir Landstriche, wo die Menschen keine europäische Kleidung trugen, sondern sich ein einziges Tuch umgeschlungen hatten. Dort sahen auch die Behausungen erbärmlich aus. Der Lehm, der die in den Boden gesteckten krummen Baumstämmchen zu einer Mauer verbinden soll, größtenteils rausgebröckelt. In diesen trockenen Gegenden sahen wir Frauen Wasser aus schwarzen Wasserlöchern schöpfen.
Doch nun zu dem Ort, wo wir 14 Tage blieben. Dass unser Gastgeber nicht das Dorf Hanga, sondern das afrikanische Benediktinerkloster Hanga war, lag an einer Fehlplanung. Aber auch so war es eine faszinierende Erfahrung. Das Priorat Hanga, erstes und einziges rein afrikanisches Benediktinerkloster in Tansania, wurde Anfang der 60er Jahre gegründet. Es zählt jetzt 120 Mönche, davon sind 4 Priester, die anderen Laienbrüder, Novizen usw. Die Benediktinerregel heißt: Bete und arbeite". Chorgebete und anschließende Messe werden täglich von 5.30 bis 8 Uhr gelesen, dann um die Mittagszeit, gegen Abend und vor der Nachtruhe. In der Klosterkirche gregorianisches Psalmodieren auf Swahili. Ich nahm öfter auf der Gästebank daran teil. Priester- wie Laienmönche tragen hier bei den Gebeten alle die gleiche weiße Kutte, es gibt auch keine getrennten Sitzbänke für die zwei Mönchskategorien. Auch in der täglichen Arbeit möchte man ein zu starkes Auseinanderklaffen von geistig-geistlicher Betätigung für die einen, praktischer für die anderen vermeiden. Was diese Mönche für sich und die umliegenden Dörfer aufbauen, erinnert uns stark an die Arbeit unserer Mönche im Mittelalter. Sie betreiben intensiv und systematisch Landwirtschaft. Ihre Kohlköpfe haben einen Durchmesser von 30 cm! Als sie anfingen, sagte man dem Prior, hier gediehen die Bohnen nicht. Dann pflanzte der Prior Bohnen, immer ein kleines Feld in 14-tägigem Abstand, und fand dadurch heraus, welches die geeignete Pflanzzeit sei. Nun geht er zur Pflanzzeit durch die Dörfer und sagt den Leuten: Jetzt müsst ihr Bohnen legen. Obwohl zu dieser Zeit der Boden hart ist und darum die Hackarbeit schwer. Die Mönche haben Landwirtschaft zur Eigenversorgung und zum Verkauf auf dem Markt in Songea. In ihrem Kuhstall stehen über 20 Kühe und viel Jungvieh. Die Milch ist nur für den Eigenbedarf (auch zum Buttermachen), weil die Dörfler noch nicht gelernt haben, dass Milch für ihre Kinder wichtig wäre. Nur die Grundschullehrerin holte Milch für ihr Kind. Im Dorf haben wenige, und die dann viele, Kühe. Das Kloster hat eine Schreinerei, die auch für den Verkauf arbeitet, ebenso eine Autoreparatur. Schusterei für den Eigenbedarf. Schneiderei mit Lehrlingen aus der Umgebung. Maismühle, zugleich für die Dorfbevölkerung. Elektrizität für das Kloster mit Hilfe einer Turbine unten am Fluss. Da sahen wir die Mönche in kurzen Hosen und Hemden mit Hacken bewaffnet Erdmassen umwälzen, um ein Stück des Flusslaufes umzulegen. Wasserversorgung mit Wasserhähnen, aus dem Fluss hoch geleitet fürs Kloster und das Dorf, usw., usw. Fischteiche. Krankenstation fürs Dorf. Das Kloster tut für und mit den Dörflern: Jährlich nach der Regenzeit Instandsetzung der Durchgangsstraße. Initiierung einer kleinen Seifenproduktion. Auffangen von streunenden Schulabgängern: Eine solche Gruppe bebaute zunächst unter Anleitung eines Bruders ein Stück Land. Später wechselte diese Gruppe zu Gießkannenproduktion über, ein Mönch lernte sie an, das Kloster sorgte für den Hertransport des Rohmaterials. Jetzt arbeitet die Gruppe im Wesentlichen für Regierungsaufträge, ist selbständig, braucht keine Unterstützung mehr vom Kloster. Materialtransport macht das Kloster jetzt für sie gegen Bezahlung. Als wir durchs Dorf gingen, fragte eine von uns: Welcher Reiche baut sich denn da so ein schickes Haus? Es war das Haus eines dieser Gießkannenjungens. Sie lassen sich zurzeit von bezahlten Maurern Häuser bauen. Zwei von ihnen sind inzwischen verheiratet. Einem aus der Gruppe haben sie gemeinsam den Gymnasiumsbesuch bezahlt, ein anderer wird jetzt von ihnen ins Gymnasium geschickt. Inzwischen fängt eine andere Gruppe wieder so an. Fünf Schulabgänger, die von zu Hause fortgelaufen sind, und zehn, die noch zur Schule gehen, leben in einer Kommune" zusammen. Sie haben unter Anleitung eines Mönches ein Stück Land am Fluss bebaut und bringen jetzt die erste Ernte ein. Sie leben in selbst gebauten Hütten mit aus Ästen gebauten Schlafstellen. Jetzt können sie über das Kloster ihre ersten Produkte verkaufen. Bis zur Ernte bekamen sie Nahrung und zweimal wöchentlich Fleisch vom Kloster. Ursprünglich hatten 50 Jungens Interesse, aber die meisten sprangen ab, weil ihnen dieses Leben zu hart schien. Der Parteivorsitzende und Bürgermeister des Dorfes Hanga und einige Dorfbewohner sprachen mit Hochachtung von der Lebensweise der Mönche: Diese Mönche leben wirklich Ujamaa", sie entsprechen dem tansanischen Ideal: Sie sind unabhängig von Hilfe, versorgen sich selbst, arbeiten hart, haben Gütergemeinschaft. Sie seien ein Vorbild für alle. Aber die anderen Dörfler brächten das leider nicht fertig, weil ihnen der Glaube" (diese innere Grundeinstellung) fehle. An unserem letzten Tag in Hanga trafen wir eine Gruppe von (allerdings sonntäglich betrunkenen) Frauen, die furchtbar über die Mönche schimpften. Die Mönche würden alles für sich behalten, ganz gewiss auch das Geld, das wir dem Prior für Notfälle unter Dorfbewohnern übergeben hatten, wie wir diesen Frauen sagten. Als Beleg für ihre negative Meinung erzählte eine dieser Frauen: Sie sei ins Kloster gegangen und habe um ein Kleid gebeten. Dann hätten ihr die Mönche Arbeit gegeben und nach getaner Arbeit das Kleid. Beim nächsten Bittgang um Kleidung für ihr Kind sei es ihr genauso ergangen. Also diese Mönche nähmen die Leute aus, statt ihnen zu helfen. Ich nehme an, ihr findet das Verhalten der Mönche goldrichtig, aber es ist eben sehr puritanisch-europäisch. Die Meinung der Leute über diese Mönche ist auch sonst: Sie sind ja wie Europäer! Man kann in diesem Land gesund und mit hinreichendem Wohlstand leben, wenn man sich verhält wie ein Europäer, aber da steckt ja eine ganze Philosophie und Jahrhunderte lange Tradition dahinter. Die Dörfler bebauen Felder, aber nicht genügend, um zwischen den Erntezeiten in jedem Fall genug zu haben. Wenn ein Kind todkrank wird, ergeben sie sich in den Willen Gottes. Ich nahm im Speiseraum für die Gäste des Klosters an einem Gespräch zwischen einem aufgeklärten" Afrikaner meines Alters (der im Labor eines Krankenhauses arbeitet) und einem älteren ungebildeten" Afrikaner teil. Der Junge wetterte dagegen, mit dem Namen Gottes zu spielen", Gott um Hilfe anzurufen, ohne gleichzeitig selber z.B. ins Krankenhaus zu eilen. Der Alte war ehrlich erstaunt, dass z.B. ein Kind gesund zur Welt kommen kann, wenn die Mutter sich während der Schwangerschaft so und so verhält. Dass viele Krankheiten vermeidbar sind.
Nachtragen muss ich zum Thema Genügend anbauen', dass mir ein holländischer Entwicklungshelfer, der in Sambia arbeitet, auf einer dieser Busfahrten erzählte, hier in Tansania fiele ihm als größter Unterschied zu Sambia auf, wie viel, wie viel angebaut werde in Tansania. In Sambia dagegen sei die landwirtschaftliche Produktion ganz vernachlässigt, weil das Land bis jetzt leicht von seinen Kupferexporten leben konnte.
Weil ich jetzt bald Seite 6 anfange, lasse ich den Rest unter den Tisch fallen, so meinen Einblick in die Problematik der allgemeinen Schulpflicht, wo die Eltern auf dem Land wirklich die Mitarbeit der Kinder brauchten und die Volksschulabgänger (im Gegensatz zu den Bildungszielen des Landes) von Ackerbau nichts verstehen. Ausnahmen bestätigen die Regel. - Meine ganztägigen Gespräche mit dem Parteivorsitzenden und Bürgermeister des Dorfes, der früher in einem der in dieser Gegend zahlreich gewesenen Ujamaadörfer (Gemeinschaftsproduktion, aus deren Erlös gemeinschaftliche Dorfprojekte gestartet werden) gelebt hat: Sein kleines Ujamaadorf wurde aufgelöst, als die neue Regierungsdirektive von oben hieß: Alle in große Dörfer zusammenziehen! - Unser äußeres Leben im Kloster: Wir wohnten im Gästetrakt, aßen fünf Mal täglich vorzüglich im Speiseraum der Klostergäste, hatten einen Mönch als ständigen Begleiter bei Führungsrundgängen durch Klostereinrichtungen und Dorf. - Unsere Bekanntschaft mit der erwähnten jungen Dorfschullehrerin, ledig mit Kind: Beim Abschied bat sie um einen Kartengruß, der ihr unsere glückliche Rückkehr melden sollte. (Andere forderten ein Blechdach für ihr Haus und ähnliche größere Abschiedsgeschenke). Sie sagte beim Abschied, ihr Vater habe sie gelehrt: Nimm einen reisenden Fremdling gut auf, du kannst in Gesprächen von jedem Fremden lernen. - Von der Gruppe von Töpferfrauen im Dorf, die schön verzierte Tontöpfe brennen, um sich durch den Verkauf die Schillinge für die Seife zum Kleiderwaschen zu verdienen. - Von unserem Besuch in dem gewaltigen Benediktinerkloster Peramiho, 50 km von Hanga entfernt, bald 100 Jahre alt, wo nach wie vor viele deutsche Mönche wirken.
Friedrich hat während meiner Abwesenheit zahllose Gäste aus Deutschland hier gehabt, unser Koch sie bekocht, Friedrich mit ihnen Besichtigungsfahrten gemacht, 2000 km auf dem Kilometerzähler unseres Autos. Unsere Kinder hatten noch Ferien bis knapp ehe ich zurückkam. Eberhard war in der Zeit eine wertvolle Haushaltsstütze. Sonja hat zu meiner Freude in dieser Zeit, wo es kein Mutti, komm mit" gab, ihre Scheu überwunden und bewegt sich jetzt selbständig in der Dorfnachbarschaft; geht zu den Kindern in die Häuser, so wie diese schon immer zu uns kamen; besucht die Kühe im Schulkuhstall; trinkt mal einheimisches Bier, wenn sie eingeladen wird (keine Sorge, das Bier ist meist kaum alkoholisch); hilft mit Mais abladen. Da sie jetzt ins 4. Schuljahr kam, muss sie täglich etwas Schularbeiten machen. Bisher hatte sie außer für den Deutschunterricht zu Hause nichts zu arbeiten. An die neue Situation haben wir uns noch nicht ganz gewöhnt. Die Beschäftigung mit den Haustieren würde eigentlich Sonjas Nachmittage genügend ausfüllen. Das Lamm folgt ihr auf dem Fuß. Die Kaninchen, für sie muss Gras gepflückt werden. Als neuen Hausgenossen fand ich eine kleine Meerkatze vor. Eberhard scheint sich als Langstreckenläufer zu machen. Am nächsten Sonntag wird er sich mit anderen aus seiner Schule mit der tansanischen Olympiamannschaft, die zurzeit in Moshi trainiert, messen um festzustellen, wie viel noch bis Olympia fehlt. Für seinen Artikel in der Hör Zu, Ausgabe 15.-21. September, bekam er ein sagenhaftes Gehalt. Er schrieb auf Aufforderung über Ich lebe in Ostafrika". Falls ihr Geld braucht, Nachahmung lohnt sich. Allerdings, von dem Abgedruckten ist nicht mehr als die Hälfte aus Eberhards Manuskript.
