28.08.1979 (Eberhard)

Der Mai war dieses Jahr ein Monat der Kilimanjaro-Besteigungen. Erst bin ich am 12./13. Mai mit meinem Sportlehrer und einer Schülergruppe auf eine Wanderung zur Mweka-Hütte gegangen. Die Mweka-Hütte (etwa 3000 m ü. M.) liegt nicht auf der normalen Touristenroute auf den Kibo, sondern auf einer anderen Route, die steiler und schneller bis zum Uhuru-Peak (Spitze des Kibo) führt. Aber wir wollten ja nicht bis ganz oben. Am Samstag fuhr mich Mutti zur Schule, wo um ca. 8 Uhr die Fahrt nach Mweka, dem Ausgangsort der Besteigung, losging. Auf einem holprigen Weg fuhren wir bis fast zur Waldgrenze, und dann liefen wir 6 Stunden lang bis zur Mweka-Hütte. Immer durch den dichten Regenwald, der sich aber lichtete, je weiter wir nach oben kamen. Als die erste Gruppe Schüler schon an der Hütte war, trennte ich mich von der 2. Gruppe und lief alleine die letzte halbe Stunde bis zur Hütte durch leichten Nebel. Bald sah ich auch die Hütte vor mir liegen, die natürlich viel einfacher eingerichtet war als die Hütten auf der Marangu-(Touristen) Route: Es war eine runde Blechhütte, ca. 4 m Durchmesser, mit einem Blechdach. Auf mich wartete schon der heiße Tee. – Bald kamen die Letzten der Gruppe, und es wurde so langsam Nacht. Nach einem Abendessen, das aus einem Gemisch von Spaghetti, Fleischklopsen, Bohnen, Tütensuppe, Erbsen, Möhren, Eiern, Käse, Reis und Kartoffeln, die in einem Topf gekocht wurden, bestand, wurden an einem 100 m entfernten und 20 m tiefer gelegenen Bach noch Teller und Geschirr abgewaschen. Dann legten wir uns in unserem Schlafsack auf den Steinboden, der mit Stroh etwas ausgepolstert war. – Am nächsten Morgen sah man noch vor dem Frühstück den Kibo aus nächster Nähe, und auch der Mawenzi kam aus den Wolken hervor. Zum Frühstück gab es neben Brot und Butter auch das tansanische Nationalgericht Uji, das sehr einfach zu machen ist: In kochendes Wasser wird etwas Maismehl eingerührt, so dass ein dünner Brei entsteht. Umrühren – fertig. Mit (Trocken-)Milch und etwas Zucker schmeckte es uns sehr gut. – Nach dem Frühstück gingen wir ohne Gepäck noch zwei Stunden weiter den Berg herauf, auf einem Weg, der viel schöner, allerdings auch etwas steiler als die Marangu-Route ist. – Um ½ 1 Uhr mittags zogen wir von der Hütte wieder durch einen sehr nassen Regenwald nach Mweka los. Der Weg war sehr rutschig, und ich rutschte mit meinen dünnen Sportschuhen mindestens 20 Mal aus und fiel auf den Hintern! Um 5 Uhr waren wir wieder in Moshi, wo ich diese Nacht bei Bekannten übernachtete. Ein schöner Wochenendausflug war zu Ende.

09.09.1979 (Eberhard)

Heute Morgen (Sonntag) ist jetzt auch Mutti aus dem Süden zurückgekehrt. Wir sind ja Anfang August zusammen nach Dar es salaam gefahren, von wo aus sie mit einer deutschen Reisegruppe nach Süden und ich wieder zurück nach Moshi gefahren bin.

Jetzt aber weiter mit dem Erzählen:

Ein anderer Bergausflug ging am 25. Mai los (Eine leicht gekürzte Fassung dieses Berichts findet sich in Friedrichs Buch „Briefe aus Afrika", Seite 52 bis 54), dieses Mal mit einer anderen, größeren Schülergruppe. Nach der Schule, die wir an diesem Freitag morgens noch hatten, aß ich in der Schule. Um ½ 3 Uhr fuhren wir dann mit dem Schulbus nach Marangu, von wo die Besteigung losging. Dieses Mal wollten wir bis ganz oben: Zum Uhuru Peak (5895 m). Unsere Gruppe bestand aus 4 Lehrern und ca. 25 Schülern. Nachdem wir Eintritt bezahlt hatten, den Trägern einiges Gepäck gegeben hatten und warme Kleider und Stiefel ausgeliehen hatten, gingen wir um 4 Uhr los zur ersten Hütte. Dieser Weg führt durch den dichten Regenwald (oder auch Nebelwald genannt), wobei der Weg selber eine breitere Straße ist, bis zur Mandara Hütte. Es regnete fast den ganzen Weg. Um 7 Uhr kam ich unter den Ersten an der 2727 m hoch gelegenen Hütte an. Wir machten einen Tee und warteten auf den Rest der Gruppe, die im letzten Tageslicht auch noch kamen. Nach einem kleinen Abendessen schliefen wir um ½ 10 Uhr ein (auf den Matratzen der Haupthütte). – Am nächsten Morgen zeigte das Thermometer 12°C und wir froren nicht schlecht. Also raus aus den Schlafsäcken – und weiter ging die Wanderung – schon um ½ 9 Uhr. Nach einem kurzen, sehr steilen Anstieg hatten wir den Regenwald hinter uns und kamen ins Grasland. An den meisten Tagen hat man auf dem Weg zur zweiten Hütte den Kibo und Mawenzi immer vor sich. Doch an diesem Samstag war nichts zu sehen außer Regenwolken. Wie am Tag zuvor regnete es wieder auf dem ganzen Weg. Die kleinen Rinnsale, die man sonst immer überquert, waren zu reißenden Gebirgsbächen geworden, die man durchwaten musste – das Wasser ging bis zu den Knien! Ziemlich müde und natürlich wieder triefend nass kam ich um 15 Uhr an der 2. Hütte (Horombo-Hütte, 3780 m) an. Dieses Mal waren fast alle anderen schneller gelaufen als ich. Übrigens waren wir an diesem Abend 3 Bergsteiger weniger als am Vorabend; alle 3 Mädchen waren von der Mandara-Hütte aus wieder umgekehrt. – Am nächsten Morgen war strahlender Sonnenschein, und so sollte es zum Glück auch auf dem Rest der Wanderung bleiben. Das Thermometer zeigte 4°C. Wie kalt würde es wohl auf der 3. Hütte sein? Meine lange Hose war vom Vortag noch so nass, dass durch die Wärme meiner Beine etwa 10 Minuten lang nach dem Anziehen Wasserdampf aus ihr hervor stieg! Und als wir uns um 9 Uhr nach einem kleinen, kalten Frühstück zum Abmarsch rüsteten, war sie durch und durch trocken! Ich hätte nicht gedacht, dass meine Beine ein so gutes Feuer sind. – Dieser dritte Tag war der schönste von den fünfen. Natürlich lag das auch an dem schönen Wetter, durch das wir auch eine gute Sicht hatten. – Ich ging zuerst ca. eine Stunde lang alleine auf einem steilen Weg bis zur letzten Wasserstelle. Dort traf sich die ganze Gruppe und füllte die Wasserbehälter. Allerdings mussten wir nicht sehr viel Wasser mitschleppen, da es auf der 3. Hütte geschneit hatte und so genügend Wasser da war. Noch weitere 2 Stunden dauerte es, bis wir zum „Sattel", der ebenen Fläche zwischen Kibo und Mawenzi kamen. Es gab nur wenige Wolken, und so konnten wir den gigantischen Mawenzi (5100 m) gebührend bewundern. Der Schnee reichte schon fast bis zu uns herab. Als wir auf dem Sattel waren, machten wir erst einmal eine Pause und genossen die Aussicht. Wir konnten die Kibo-Hütte (4730 m) schon sehen, und doch brauchten wir noch 2 ½ Stunden, bis wir sie erreichten. Auf dem Sattel wächst nicht einmal mehr Gras, nur Steine gibt es hier. Manche Leute meinen, es sieht aus wie auf dem Mond! Kurz vor der Kibo-Hütte entdeckte ich auch den ersten Schnee. Da wir Regenzeit hatten, reichte er sehr weit herunter, bis 4700 m. Kurz vor der Kibo-Hütte begann schon der steile Aufstieg, den wir in der darauf folgenden Nacht machen wollten. Für die letzten 500 m zur Kibo-Hütte brauchte ich fast eine halbe Stunde. Als ich durch die Tür trat, schlug mir Wärme entgegen. Aber schon bald stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass die Träger noch nicht da waren. Mit ihnen mein Schlafsack. So setzten wir uns um den Ofen und freuten uns erst einmal auf den Aufstieg zum Gipfel. Was blieb uns auch anderes übrig? Endlich, gegen 18 Uhr, kamen auch die Träger. Daraufhin aßen wir erst einmal Abendbrot. Die Suppe, die es bis jetzt jeden Abend und jeden Morgen gegeben hatte, war mir inzwischen schon über! So aß ich nur etwas von meinem Brot und etwas Schokolade, die wir vor dem Aufstieg gekauft hatten (Der Eingang zum Kilimanjaro-Nationalpark ist sicher der einzige Platz in Nordtansania, an dem man (manchmal) Schokolade kaufen kann). – Schon um 20 Uhr gingen wir ins Bett, denn schließlich mussten wir ja schon um Mitternacht wieder aufstehen!

22.09.1979 (Eberhard)

Manche Leute sagen, auf der dritten Hütte kann man wegen Kälte und Sauerstoffmangel nicht mehr schlafen. Ich schlief wie ein Murmeltier. Als wir gegen ½ 1 Uhr nachts geweckt wurden, war ich nicht gleich hellwach, aber dann trieb's mich natürlich auch aus dem Schlafsack. Mit 2 Hosen, 1 Unterhose, zwei Pullovern, einem Parker, 2 Paar Handschuhen, 1 Mütze und 1 Schal gut eingepackt, ging ich gegen ½ 2 Uhr mit der Gruppe los. Wir hatten 2 Führer; einer ging voraus, der andere mit einer zweiten Lampe hinterher. Da es ziemlich viel geschneit hatte, rutschte man in dem Geröll nicht so sehr ab. Trotzdem war der Aufstieg sehr steil und anstrengend. Alle 10 Minuten machten wir eine Pause. Nach etwa 2 Stunden Aufstieg fand der Führer einmal den Weg nicht mehr, da er zu sehr zugeschneit war. Als er gerade den richtigen Weg wieder gefunden hatte, sagte einer meiner Mitschüler, dass er umkehren wollte. Einer der Führer ging also mit ihm herunter zur Kibo-Hütte. Eine Lehrerin begleitete ihn – und ich auch. Ich war mir nicht sicher, ob ich es noch bis zum Gipfel (6 bis 8 Stunden von dort aus) schaffen würde. Als wir in der Hütte waren, legten wir uns erst einmal schlafen – wodurch ich auch noch den wundervollen Sonnenaufgang verpasste! Gegen 8 Uhr morgens kamen die Letzten zurück – keiner hatte es bis zum Uhuru-Peak geschafft, nicht einmal bis zur zweithöchsten Stelle, dem Gilman's Point (5700 m). Der Schnee war zu matschig gewesen, und so waren sie nicht weitergekommen. Gegen 12 Uhr stiegen wir wieder ab. Diesmal nahmen wir den längeren Weg zur Horombo-Hütte, so dass wir erst gegen 4 Uhr an der Hütte ankamen. Dieser letzte Abend war der schönste von allen. Wir spielten den ganzen Abend Karten und andere Spiele und kamen so erst sehr spät in die Schlafsäcke. – Am nächsten Tag (Dienstag) stiegen wir von der Horombo-Hütte wieder bis nach Marangu ab. Das ging unheimlich schnell im Vergleich zum Aufstieg. Um 8 Uhr ging's los, und gegen 2 Uhr waren wir schon wieder am Eingang zum Park. Die Bäche zwischen der 1. und 2. Hütte waren inzwischen wieder zu ganz kleinen Rinnsalen geworden. Während wir auf den Schulbus warteten, wurden die geliehenen Sachen zurückgebracht. Für das restliche Geld kaufte ich dann noch Schokolade und Kilimanjaro-Karten. Dann gab es noch einigen Ärger, denn ein Träger wurde verdächtigt, Kleider gestohlen zu haben. Auch meine kurze Hose war verschwunden, tauchte aber später im Bus wieder auf. – Auf der Rückfahrt nach Moshi überlegten wir uns Ausreden, warum wir es nicht bis zum Gipfel geschafft hatten. Von der Stadt fuhr mich Mutti wieder zurück nach Old Moshi, wo ich gegen 6 Uhr abends ankam und mich erst einmal in die Badewanne stürzte.

Am 5.9.79 war der erste Schultag in der ISM. Ich bin jetzt in einer kleineren Klasse als letztes Jahr: wir sind nur noch ca. 22 Schüler (letztes Jahr waren wir 32!). Das liegt daran, dass es dieses Jahr 2 Parallelklassen gibt, auf die sich die 46 Schüler verteilen. Allerdings war die Teilung nicht allzu typisch für eine Internationale Schule: Da wir selber aussuchen durften, gibt es jetzt in der Klasse, in der ich bin, 19 Europäer und 3 Inder, während in der Parallelklasse fast nur Inder und Afrikaner sind! Aber so ist die Klasse auch viel ruhiger, weil die „Raufbolde" in der anderen Klasse sind. Das macht sich vor allem in Biologie bemerkbar, wo es letztes Jahr ein Tohuwabohu war. – Natürlich haben wir auch neue Lehrer. Insgesamt gibt es in der Schule jetzt ca. 400 Schüler und 20 Lehrer (letztes Jahr: 360 Schüler, 17 Lehrer). Natürlich waren zur Erweiterung der Schule auch neue Klassenzimmer nötig. Sie wurden in den letzten Monaten gebaut und sind zum Glück bei Schuljahresbeginn fertig gewesen. – In diesem Jahr hat Sonja jetzt auch Reitunterricht in der Schule. Für mich hat es bis jetzt noch nicht geklappt. – Meine englische Micky-Maus-Sammlung hat gewaltige Fortschritte gemacht: Ich habe bereits 231 Hefte! - Übrigens arbeite ich immer noch in der Schülerbücherei unserer Schule. Ich klebe Etiketten auf sämtliche ca. 600 (deutschen) Bücher und habe auch angefangen, lange Listen zu machen. Ende dieser Arbeit ungewiss!

Heute Abend ist in unserem Haus ein Fest für alle Lehrer der Kolila und Masama Secondary Schools. 5 Kästen Bier stehen schon bereit.

Ich habe einen Bericht über mein Leben hier geschrieben, der Mitte September in der „HÖRZU" unter dem Titel „Ich lebe in Ostafrika" auf der Kinderseite erschienen ist.

HÖRZU 15.-21. September 1979

Deutsche Kinder im Ausland 2

Ich lebe in Ostafrika

„Jambo! Habari?" Das ist Suaheli und heißt „Guten Tag. Wie geht es?" Suaheli ist die Landessprache in Tansania, wo ich seit knapp 2 Jahren mit meiner Familie lebe. Ich bin 13 Jahre alt, heiße Eberhard und besuche die Internationale Schule in Moshi, zusammen mit Schwarzen, Indern und Weißen anderer Nationen. Die Schulsprache ist Englisch. Mein Vater ist Lehrer an der afrikanischen Oberschule.

Wir wohnen 12 km außerhalb von Moshi, einer Stadt am Fuße des Kilimandscharo, des höchsten Bergmassivs in Afrika. Der höchste Gipfel heißt Kibo (5895 m). Er ist immer schneebedeckt. Das ist schon komisch, wo wir doch fast unter dem Äquator liegen.

Meine Mutter bringt meine Schwester und mich zur Schule, weil es keine andere Fahrgelegenheit gibt. Die Straße ist nur ein kleines Stück geteert. In Regenzeiten, im Dezember und April/Mai, ist sie oft unbefahrbar, weil der Regen metertiefe Rinnen auswäscht. Dann gehen wir eben nicht zur Schule.

Die Chagga (so heißt der afrikanische Stamm in unserer Gegend) leben in Lehmhütten, die oft mit Bananenblättern gedeckt sind. Sie bauen Kaffee, Mais und Bananen an. Bananenstauden werden so groß wie Bäume. Sie stehen zwischen den Kaffeesträuchern, um sie zu beschatten. Die Afrikaner kochen Bananen wie wir Kartoffeln. Und Ndizi na Nyama (Bananen mit Fleisch) ist ein typisches Gericht. Es sind keine Bananen, wie Ihr sie kennt. Sie sind viel kleiner und nicht süß. Kaffee trinken sie nicht, der wird verkauft.

In Moshi gibt es einen großen Markt, wo auch meine Mutter Gemüse und Obst kauft. Und weil es bequem ist, trägt sie ihren Einkaufskorb auch mal auf dem Kopf, wie eine Afrikanerin. Die tragen auch viel ihre Babys im Tuch auf dem Rücken mit sich herum.

Auf dem Markt kann man auch Kitenge kaufen. Das sind lange Stoffbahnen, die sich eingeborene Frauen als Rock um die Hüfte wickeln.

In den Ferien verreisen wir wie Ihr auch. Mit dem Flugzeug ist es am bequemsten. Zum Indischen Ozean, nach Tanga, fährt auch die Eisenbahn. Es ist die einzige Zugverbindung in unserer Gegend. Für die rund 400 km braucht man die ganze Nacht, denn der Zug fährt durchschnittlich 25 km in der Stunde. Wir sind auch schon mit Überlandbussen gefahren. Das ist abenteuerlich. Sie rasen auf unseren staubigen, holprigen Straßen, daß einem die Knochen weh tun. Und so mancher dieser alten Klapperdinger ist schon im Graben gelandet.

Ihr dürft übrigens nicht glauben, daß es in Tansania immer heiß ist. In den Sommermonaten Mai bis Juli ist es manchmal kälter als in Deutschland, und wer nicht aufpaßt, holt sich eine dicke Erkältung. – Asante (danke), daß Ihr bis hierher gelesen habt. Kwaheri, auf Wiedersehen.

Fotos:

Ich und mein Hund, eine afrikanische „Dorfrasse"

Links der schneebedeckte Kibo, der höchste Berg Afrikas.

Unten kauft meine Mutter auf dem Markt ein. Sie trägt den Korb oft auf dem Kopf.


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