

26.07.1979 (Gisela)
Dies wird ein Erzählbrief von unserer Familien-Ferienreise. Wir waren gut 2 Wochen in Mwanza am Südufer des Viktoriasees. Friedrich wollte zu gern einmal diesen Riesensee sehen, den drittgrößten der Erde, 70.000 qkm, das ist annähernd ein Drittel der Fläche der BRD. Wir flogen gleich am 1. Ferientag der Kinder mit tansanischem Flugzeug hin. Von Moshi bis Mwanza sind es etwa 600 km. Ein gut Teil des Fluges geht über die Serengeti, von der wir ja einen Teil im letzten Dezember mit meiner Mutter bereisten. Vom Flugzeug aus konnten wir sehr schön den Steilanstieg des Ostafrikanischen Grabens sehen, dann den Riesenkrater Ngorongoro, in den wir im letzten Dezember mit dem Landrover hineinfuhren. Aus der Luft versuchten wir vergeblich, irgendwelche Herden von wilden Tieren auszumachen.
In Mwanza bewohnten und hüteten wir gleichzeitig das Haus von Bekannten, die in Urlaub gefahren waren. Das Haus liegt mitten in der Stadt. Wir waren überrascht, in so eine große Stadt zu kommen, die zweitgrößte Tansanias, nach Daressalam. Sehr viele große, städtische Gebäude, viele so 30 bis 50 Jahre alt, mit Zinnen, Balkonen, viel flachen Dächern, weiß gekalkt. Moscheen, auch sehr große Hindu-Tempelanlagen. Daraus schließen wir, dass Mwanza durch den Handel groß geworden ist, der die Inder und Araber herbrachte. Die Stadt und das Land etwa 30 km südlich davon ist sehr bergig, und vor allem beherrschen Felsbrocken das Bild, eckige Brocken, zwischen 1 und 10 m im Ausmaß, z. T. abenteuerlich aufeinander getürmt liegen sie auf den Bergen und Hügeln, am Seeufer und auch im See selbst in der Nähe der Ufer. Über die Geschichte der Stadt haben wir niemanden gefunden, der uns Auskunft geben konnte, entsprechende Afrikaner lernten wir nicht kennen, und die weißen Missionare, die wir kennen lernten, hatten kein Interesse an so was und wussten nicht Bescheid. In der Mwanza-Gegend hängen 85% der Bevölkerung der traditionellen afrikanischen Religion an, das ist ein großer Unterschied zu unserer Kilimandscharogegend hier, wo beinahe alle christianisiert sind. Wir sahen das, wenn Kinder Kettchen um Bauch oder Handgelenke hatten, die ein Schutz gegen Einflüsse feindlicher Mächte sind. Bei Fahrten übers Land sahen wir in den Gehöften kleine Häuschen stehen, die Stätten zum Gedenken an die Vorfahren sind und damit das Zentrum des Anwesens bilden. Auf einem solchen Gehöft kann man an der Menge der Nebenhäuser um das Haupthaus herum abzählen, wie viele Nebenfrauen der Herr des Hauses hat. In der Stadt annoncierten traditionelle Ärzte, einer bot auf einem Plakat Heilung an gegen Krankheiten des Herzens, Augen, Ohren u. ä. Solche Ärzte müssen ihre Heilverfahren der Regierung unterbreiten und kriegen dann die Erlaubnis der Regierung zu praktizieren. Manche dieser Heilverfahren dürften denen unserer Heilpraktiker entsprechen, manche haben Erfolg durch ihre psychologische Behandlungsweise, z.B. indem sie den Patienten lange und geduldig zuhören, sich aus seinem Leben und von seiner Familie erzählen lassen. Es gibt Stimmen in Tansania, die möchten, dass die traditionellen Heilverfahren stärker wieder belebt werden. Auch, um Importe für europäische Medikamente zu sparen. Andere, z.B. manche Missionare, meinen, der ganze Kram und Hokuspokus" müsste ausgerottet werden. Natürlich gibt es auch Scharlatane unter solchen Ärzten.
Unter den Christen sind die Katholiken die meisten am Viktoriasee, deutsche evangelische Missionare haben v. a. am Westufer gewirkt (um die Stadt Bukoba herum, an der Grenze zu Uganda). In Mwanza fuhren wir an einem Sonntag mit einem amerikanischen Baptistenmissionar in eine kleine Gemeinde nahe bei der Stadt zum Gottesdienst. Es gehörten etwa 60, meist Kinder und junge Leute, zu der Gemeinde. Etwa 10 wurden an diesem Sonntag getauft, aus allen Altersstufen. Zur Taufe zog die Gemeinde singend durch die Felder bis zum nächsten Tümpel. Die Baptisten taufen ja durch Untertauchen des ganzen Körpers. Der Gottesdienst in der Kirche war eine zwanglose Folge von Liedern, Gebeten, einer kurzen Predigt, auch wir beide wurden aufgefordert, kurz etwas zu sagen. Die Gemeinde sang Lieder aus einem Gesangbuch mit englischen Melodien und in die Sprache dieser Gegend übersetzten Texten. Am meisten wurden wir beeindruckt von den vielen Liedern, die der Chor (etwa ein Drittel der Gemeinde) sang. Texte und Melodien dieser Lieder hatten Mitglieder der Gemeinde selber gemacht. Das waren dann keine europäischen Melodien, sondern afrikanische, die stark synkopisch sind und zum Zeilenende nicht abfallen, sondern schwingend aufhören (ich kann mich musikalisch nicht so richtig ausdrücken). Außerdem sang der Chor nicht nur mit den Mündern, sondern mit dem ganzen Körper und mit kleinen Tanzschritten. Als instrumentale Begleitung wurde auf den Rillen einer Fantaflasche gekratzt (ehe wir sie sahen, wussten wir nicht, was das für ein Instrument war) und zwei Holzstöckchen zusammengeschlagen. Die Tränen kamen mir, als sie ein Weihnachtslied sangen, so etwa Lasst uns nach Bethlehem gehen, Jesus ist geboren", und dann auch wirklich tanzend losgingen. Das war zu ergreifend. Der Inhalt von Taufansprache und Predigt war einfach. Das alte Leben in Sünde hinter sich zu lassen und jetzt neu mit Jesus zu leben, das heißt z.B. nicht trinken, nicht stehlen. Nicht gefiel mir, wie der afrikanische Evangelist betonte, dass am Ende der Welt nicht alle zusammen, sondern jeder einzeln vor Gott Rechenschaft ablegen müsse. Es ist schlecht, dass manche meinen, man müsse mit dem Christentum auch unsere europäische individualistische Tradition hier einpflanzen. Wir könnten uns doch gegenseitig helfen, zu Gott zu kommen. Und die Leute dort bei Mwanza haben noch mehr Gemeinschaftstraditionen als die hier im Kili-Gebiet, z.B. erzählten uns die Gemeindeglieder bei einem Gang durch die Felder vor dem Gottesdienst, dass sie gemeinsam mit Flegeln den Reis ausdröschen, dabei sängen, und dabei wird immer im Takt geschlagen.
Ich fragte den Evangelisten, wie sie in ihrer Mission mit anderen christlichen Gruppen zusammenarbeiteten. Er sagte nur, mit den Katholiken gäbe es keine Zusammenarbeit, denn die hielten ihren Glauben für was Besseres als andere Christen. Hinterher hörte ich von anderer Seite, die Baptisten hier wollten auch nicht mit anderen Evangelischen zusammenarbeiten, denn sie wollten hier eine baptistische Kirche aufbauen.
Wir sind mit dem Bus 260 km am Ostrand des Sees langgefahren bis zur Stadt Musoma, weil wir mal so fahren wollten teilweise am See entlang, um den See besser genießen zu können, und außerdem, um mehr Eindrücke von der Landschaft hier zu bekommen. Die Fahrt bei der Hitze im überfüllten Bus, 7 Stunden Fahrt und vorher schon 2 Stunden im Bus gewartet (feste Abfahrtszeiten gibt es hier meist nicht), war eine ziemliche Anstrengung. In der Stadt Musoma kletterten wir stundenlang auf verschiedenen Felshügeln am Seeufer entlang und machten auch eine schöne Fahrt mit einem Motorboot. Bei unserer Felskletterei konnten wir es nicht vermeiden, immer wieder nackte Neger" zu beobachten. Die Leute waschen und baden sich im See aber die Seeufer sind Bilharziose verseucht. Bei der Krankheit Bilharziose wird, soviel ich weiß, das Blut und innere Organe zerstört. Sie wird durch im Wasser lebende Schnecken übertragen. Wir haben deshalb nicht im See gebadet (in Mwanza gibt es ein Schwimmbad), aber ich kann die Leute verstehen, wenn die Hitze so groß und der See so nah ist. Im See wird sehr viel Fisch gefangen und zum größeren Teil gleich frisch verkauft. Sonst ist die tägliche Nahrung der Leute Cassava, eine Knollenfrucht, die nichts als Stärke enthält. Außerdem werden viel verschiedene Arten von Hirse angebaut, die auch vitaminhaltig sein soll. In größerem Umfang in Seenähe gibt es immer wieder sumpfige Stellen, wo Reis angebaut wird. Die ganze Gegend hat wegen der Nähe des Sees ausreichend Niederschlag, aber nicht so viel wie bei uns am Berg Kilimanjaro. Für den Export wird Baumwolle angebaut, die jetzt gerade geerntet wurde. Die Baumwollpflanze, ähnlich einer Getreidepflanze, wird etwa 1 m hoch. Die reifen Samenknospen (Anmerkung von Erika: Es sind Samenkapseln) springen auf, und dann wird die Füllung mit den weißen Baumwollfasern sichtbar. An Nachbarn sahen wir Frauen im Schatten ihrer Häuser sitzen und die gepflückte Baumwolle sortieren nach Qualität. Sonja nahm sich Baumwolle mit und will nun spinnen lernen. Ich kannte Bilder von riesigen Baumwollfeldern. So war das aber hier nicht, es gab nur kleinere bebaute Stücke. Dazwischen immer wieder Weideland für die Rinder-, Schaf- und Ziegenherden. Mangobäume gibt es viele, aber dazwischen auch wieder Gegenden, in denen nur dornige Büsche wachsen. Und dann mal eine Strecke mit nichts als dem jetzt schon gelben Gras, kein Baum, kein Strauch, das sieht schon furchtbar aus. Das Feuerholz ist sehr knapp hier.
Nachdem wir einiges aus dieser Gegend in Natur kennen gelernt hatten, gingen wir ins Dorf-, Heimat- und Volksmuseum. Ein Ausstellungsraum war den verschiedenen Volkstänzen gewidmet. Dass die Menschen hier sehr musikalisch sind, hatten wir ja im Gottesdienst erlebt und auch bei einer Veranstaltung im Mwanzaer Stadion am jährlichen nationalen Bauerntag. Bei dieser Stadionsveranstaltung bezog sich der Inhalt der Lieder und Tänze meist auf den Sieg über Amin. Es gab da schöne schauspielerische Leistungen (eine Posse über ein Telefongespräch zwischen Amin und Gaddhafi aus Libyen), Tänze mit Akrobatik gemischt und szenische Tänze.
Ein anderer Ausstellungsraum war den früheren Herrschern gewidmet. Das Land bei Mwanza ha nicht so autoritäre Herrscher gehabt wie unsere Gegend hier, die Herrscher hatten nicht so viele Vollmachten, und wenn sie dem Volk nicht gefielen, wurden sie wieder abgewählt. In der langen Liste der Herrscher seit 1500 n. Chr. waren viele, die nur 5 oder 7 Jahre geherrscht haben.
