

25.07.1978 (Friedrich)
Vorgestern sind wir von unserer vierwöchigen großen Urlaubsreise zurückgekommen, und ich bin so froh, wieder zu Hause" zu sein, eine warme, nicht zu heiße Sonne hier, herrliche Umgebung, klare, frische Luft. Wir fuhren mit dem Nachtzug nach Daressalam, 562 km in 18 Stunden, in ganz neuen, indischen Waggons. Auch die Familien getrennt in Männer- und Frauenabteilen. Auch vor der Rückfahrt hatte ich wieder vergessen, dass man im Abteil das Essen miteinander teilt, und unsere Brote ausreichend für uns 4 mitgenommen. Die andren boten Maiskolben an (gekochte oder geröstete), Apfelsinen, gebratene Hühnerschlegel. So eine lange Bahnreise machen nur Reichere. Sehr lange Aufenthalte an den Bahnhöfen, wo am Zug entlang weitere Nahrung verkauft wird, z.B. in Küstennähe Trinkkokosnüsse, eine besondere Art mit so gut wie keinem Fruchtfleisch, aber voller wohlschmeckendem Fruchtwasser, weit mehr als eine Fantaflasche voll. So lange man vor Nachteinbruch noch etwas sehen konnte, fuhren wir von Moshi aus am Rand der Masaisteppe entlang, zwischendurch gibt es Einsprengsel von fruchtbarem, bebaubarem Land (Bananen). Mais kann man auch auf weniger gutem Boden anbauen. Auf der Rückfahrt wussten wir allerdings schon, dass in Küstennähe vieles, was wir für Gras gehalten hatten, Reisfelder sind. In den Feldern kleine Hütten für die Wächter, die die Felder vor Vögeln und anderem Diebesviehzeug schützen. In der Steppe immer wieder Hirten mit ihren im Schnitt vielleicht 50 Stück starken Herden von Rindern und Ziegen.
In Dar wohnten wir zunächst in der großen Wohnung bei einer Schwäbin, die zur diplomatischen Vertretung der EG in Tansania gehört. Bei manchen diplomatischen Anlässen wird in Dar gar nicht mehr die Vertretung der BRD, sondern nur noch die der EG eingeladen. Einen Abend lud unsere überwältigend gastfreundliche Gastgeberin auch einen Exilugandaer für uns ein, weil sie unsere politischen Interessen sah. Es war der ehemalige UNO- und USA-Botschafter von vor 1971 in Uganda. In Tansania wie in Kenia gibt es sehr viele Exilugandaer. Teile von ihnen haben sich letztes Jahr offiziell politisch zusammengeschlossen, um gemeinsam Pläne zur Beendigung von Amins Herrschaft durchzuführen. Nur gibt es sehr viel verschiedene Meinungen unter den Exilugandaern. Z.B. las ich in Berichten, dass in Versammlungen einige konkretes Vorgehen zum Sturz Amins beraten wollen, während die ganz Linken Grundsatzpapiere über den Sozialismus vorlegen.
Nach zwei Jahren war ich wieder in Dar. Ich fand die Stadt wunderschön, freundlich, gleich außerhalb des Geschäfts- und Bürozentrums breite, Baum bestandene Straßen, große, blendend weiße Villen (z. T. Botschaften). Sehr viele gut angezogene Menschen, eben städtisch. Bei unseren schätzungsweisen Zählungen beim langen Warten an der Bushaltestelle kam heraus, dass wohl in 90% der Pkws Afrikaner saßen (in Moshi sind es meist Weiße und Inder), das wird wohl durch die Regierungsstellen und die Konzentration der Industrie in Dar kommen. Ich hörte, dass seit 4 Jahren kein Privatmann mehr die Genehmigung zu Autokauf bekommen habe, für eine Kaufgenehmigung muss man nachweisen, dass das Auto dem Wohl des ganzen Landes dient.
Unser Einkauf von Büchern und Kleidern 3 Tage lang war mühsam, weil wir uns nicht auskennen und weil es viele kleinere und mittlere Geschäfte, aber keine großen Kaufhäuser gibt. Knapp 3 Wochen waren wir im Strandhotel Bahari Beach 25 km nördlich von Dar. Wenn man nicht daran denkt, dass hier die Weißen in einem der ärmsten Länder der Welt einen komfortablen Urlaub verbringen, konnte man es richtig genießen. Die Häuser, je 4 Doppelzimmer, sind der Rundform afrikanischer Hütten nachgebaut, dazu sehr wohltuend aus örtlichem Korallenstein.
Hier am indischen Ozean scheint um diese Jahreszeit fast immer die Sonne, und das Wasser ist viel wärmer als etwa in der Nordsee. Hinter dem Hotel landeinwärts liegt ein verstreut gebautes Dorf. Wir machten ein paar Spaziergänge landeinwärts, auch, um zu sehen, was man hier in der Küstengegend anbaut. Cashewnüsse, später sahen wir auf der Fahrt nach Bagamoyo ganze Haine davon und richtig angelegte Wälder mit Kokospalmen. Außerdem Cassava, die wird auch am Kili angebaut, sie ist eine sehr lockere Wurzelknolle, schmeckt nach so gut wie gar nichts, wird geröstet. Süßkartoffeln. Verschiedene Hülsenfrüchte, die unseren Bohnen oder Erbsen ähneln. Kürbisse. Reis. Papayas, Mangos usw. Ich ging ein Stück mit Frauen, die gegen Abend gerade ihr Wasser geholt hatten, vom Brunnen etwa 1 km von ihrem Haus entfernt. Unseren englischen Bekannten fragten wir später, wie die Bevölkerung zu den großen Touristenhotels stände. Er sagte: zwiespältig. (Wie man sich denken kann). Eine ganze Reihe Leute haben Vorteile von den Hotels, sie sind Zulieferer für Nahrungsmittel. Außerdem wissen die Leute, dass die Hotels eine Einnahmequelle für den Staat sind, die Hotels sind Staatsbesitz. Aber seit es im Bahari Beach Hotel einen neuen Manager gibt, gibt es Feindschaft gegenüber dem Hotel. Die Leute dürfen nicht mehr, wie früher, in Notfällen das Hoteltelefon benutzen oder bekommen keine Mitfahrgelegenheit mehr in die Stadt.
Man spricht hier Kizaramo, es gibt in der Gegend nur 2 Dörfer, in denen Kiswahili die Muttersprache ist. Das Kiswahili, das jetzt im ganzen Land verbreitet ist, hat sich ja von der Küste aus, auch durch die Händler zunächst, landeinwärts ausgebreitet.
Von unserem Engländer muss ich erzählen. Wir hatten ihn vor 2 Jahren bei unseren Besichtigungen in Dar kennen gelernt. Er ist wohl 60 Jahre alt, hat tansanische Staatsangehörigkeit und arbeitet bei einer tansanischen Organisation, die mit Mitteln von den verschiedensten Spendern kleine Dinge v. a. in Dörfern unterstützt, wo die Dorfbevölkerung etwas mit eigenen Anstrengungen tun will, aber noch Geld dazu braucht, z.B. Klassenräume für Grundschulen oder eine Wasserleitung. Er wohnt ein paar Schritte vom Bahari Beach Hotel; als wir ihn besuchten, war er am Wochenende gerade im vollen Einsatz für seine Großfamilie", wie er sagte. Ein Arbeitskollege von ihm wohnt nebenan, war auf Dienstreise, und inzwischen seine Frau und auch die Hausgehilfin krank. Unser Engländer hatte die Frau nachts zum Krankenhaus gefahren, er kochte für alle und wickelte das Baby. Als ich ihm erzählte, dass wir für 3 Jahre hier seien, sagte er: Das haben Sie aber klug angestellt". Er fragte uns eindringlich, wie es uns hier ginge, und strahlte sehr, dass wir so zufrieden waren. Mich beeindruckte sehr, dass er, der so lange im Land ist (ich glaube, hier geboren), nichts Abfälliges über die Tansanier sagte. Denn wenn man von der europäischen Lebensauffassung ausgeht, kommt man sehr leicht ins Meckern (Die sind faul, unzuverlässig, halten keine Zeit ein usw.). Eberhard und ich machen dieses Meckerspiel manchmal, um uns zu erleichtern, wenn wir so richtig erschöpft aus der Stadt hochfahren im Auto nach Old Moshi. Es ist doch sehr anstrengend, ständig mit Menschen zusammenzukommen, die anders reagieren, als wir es gewohnt sind.
Zum Abschluss der Reise waren wir noch einmal 3 Tage in Dar. Lange im Nationalmuseum. Es bietet einen Überblick über die Geschichte des Landes. Für mich war es jetzt sehr interessant, weil ich vorher viel (oder etwas) darüber gelesen hatte, sonst sind ja immer die alten Topfscherben und Dokumente im Museum ein ziemlich zusammenhangloses Sammelsurium. Es fing an mit chinesischen Porzellanscherben der Handel zwischen der ostafrikanischen Küste mit Arabien, Persien, Indien, Indonesien bis nach China stand ja schon vor 3000 Jahren in Blüte. Aus der Zeit, als die Deutschen kamen, wurde klar, dass es so gut wie überall im Land Widerstandskämpfe gegen die deutsche Herrschaft gegeben hat, die Afrikaner wollten sich einfach nicht von den Deutschen schützen" lassen, sondern selbständig regieren und leben. Sonst kam die deutsche Zeit sehr gut weg. Es stand zu lesen: Damals fing es an mit Eisenbahnen, Schulen, Krankenhäusern". Durch die Überflutung mit europäischen Industriewaren kamen dann einheimische Fertigkeiten zum Erliegen. Im Museum auf der Insel Sansibar sahen wir Holzmodelle für Stoffdruckmuster, von denen stand (zu lesen war), dass sie noch bis 1905 benutzt wurden.
Einen Tag flog ich mit Eberhard nach Sansibar, es hatte nur noch 2 Plätze in einem kleinen Flugzeug gegeben. Wir besahen die Stadt, die Sultanspaläste. Die Araber, die nach den Portugiesen und vor den Engländern hier geherrscht hatten, hatten später die Hauptstadt ihres Reiches von Arabien nach Sansibar verlegt. Wir verliefen uns in engen Gassen. Die Bevölkerung kam mir beinahe ganz gemischtrassig vor: Araber, Afrikaner, sicher auch Europäer. Es gab Kinder mit schwarzen krausen Haaren, langen Nasen und beinahe ganz heller Haut. Vier Stunden lang fuhren wir durch den fruchtbaren westlichen Teil der Insel. Die ehemaligen großen Plantagen sind unter der Bevölkerung aufgeteilt. Jetzt habe ich Nelkenbäume gesehen, einen Kakaobaum, Zitronengras (man zerknautscht es und würzt damit das Wasser zum Trinken, nur für einheimischen Gebrauch, wird nicht exportiert), Verarbeitung von Kokosnüssen und vieles andere mehr. Beim Rückflug kurz vor Sonnenuntergang sahen wir ganz prima die Korallenriffe unter der Meeresoberfläche, die die Küste hier vor Haifischen schützen.
Hoffentlich werdet ihr nicht zu neidisch auf unsere schönen Ferien. Von unseren Wehwehchen und Leiden bei den tropischen Reisen habe ich ja auch nicht erzählt.
12.09.1978 (Eberhard)
Der Brief blieb leider wieder etwas liegen.
Zwar hat Mutti den Autoschlüssel jetzt wieder gefunden, so dass wir die neuen Schlösser gar nicht mehr brauchen, doch vielleicht ist es gut, sie zu haben, falls wir den Schlüssel mal wirklich verlieren. Morgen ist hier ein Fußballspiel. Die Gelsenkirchener YMCA-Gruppe, die hier oben eine Maismühle gebaut hat bzw. die Maschine der Maismühle installiert hat, spielt morgen gegen eine Schülermannschaft der Kolila Secondary School. Sie haben mich gebeten mitzuspielen, was ich natürlich gerne tue. Sie haben mir auch ein Fußballhemd und Smarties geschenkt, beides kann man hier nicht kaufen (deshalb freuen wir uns ja auch so auf das Paket von Fritz; er wollte ja eigentlich wir haben ihn darum gebeten Süßigkeiten mit reinstecken). 08.12.: Es ist immer noch nicht angekommen.
Mein Geburtstag war sehr schön. Morgens brachte mir Mutti das Frühstück ans Bett. Es gab Haferflocken natürlich ohne Rosinen, da man so etwas hier nicht kaufen kann. Das fand ich sehr schade, ich hatte gerade so Lust auf Rosinen! Ich sagt es Mutti. Sie ging mit dem Teller weg und als sie wiederkam, lagen Rosinen darauf! Zufällig hatte es in der Stadt welche gegeben (aus Europa importiert), und Mutti hatte sie (natürlich zu einem ziemlich hohen Preis) gekauft. Das war die erste Geburtstagsüberraschung.
08.12.1978 (Eberhard)
An Sonjas Geburtstag waren wir gar nicht zu Hause. Wir waren in der Momella Lodge", die in der Nähe des Arusha Nationalparks liegt. Dort war ein Treffen aller Deutschen aus Nordtansania. An einem Donnerstagabend fuhren wir mit einem örtlichen Bus bis zum Tanzanite". Dort schwammen und warteten wir, bis uns andere Deutsche mit ihrem Landrover abholten. Ich war das älteste Kind auf der Tagung, folglich hatte ich nicht viele Kinder zum Spielen. Der zehnjährige Martin spielte mit mir Tischtennis und Pfeilwerfen. An Sonjas Geburtstag gab es am Nachmittag eine kleine Party. Es waren ungefähr sieben Kinder eingeladen, und wir spielten viele Spiele.
Am selben Nachmittag fuhr Familie Veller durch den Park und sie nahmen mich mit. Wir sahen Äffchen, Dik-diks (eine kleine Gazellenart), Giraffen, Nilpferde.
Das Schwimmbad in der Momella Lodge war zwar schön, doch eiskalt. Ich schwamm nur einmal an den 4 Tagen darin.
Am Montag fuhren wir frühmorgens (nach dem Frühstück um 6 Uhr) los und kamen noch rechtzeitig zur zweiten Stunde in der Schule an.
Unsere nächste Reise, ein Klassenausflug, führte uns in die Masaisteppe. Die Masai sind ein Volk, das in einer Steppe in Kenia und Tansania lebt. An einem Donnerstagmorgen fuhren wir in einem Lastwagen los. Es war ein besonderes Fahrzeug, denn es hatte hinten Sitzbänke. Um die Mittagszeit waren wir mitten in der Steppe an unserem Lager angekommen. Wir bauten nach dem Mittagessen noch die Zelte auf und faulenzten dann den Rest des Nachmittages. Am Abend wurde ein Feuer angefacht, wir sangen, und ein alter Jäger erzählte Jagdgeschichten! Am nächsten Morgen fuhren wir nach dem Frühstück in ein Masaidorf. Wir schauten uns die Leute und ihre Häuser an und es wurde viel geknipst (sonst war nicht viel los!). Nach dem Mittagessen bestieg ein Teil der Schüler (auch ich) einen kleinen Hügel, der vielleicht 200 m hoch war und sich direkt neben dem Camp befand. Nach ungefähr zwei Stunden waren wir wieder unten, kurz vor dem Abendessen, das wieder am Feuer eingenommen wurde. Es gab Ziegenfleisch, welches uns die Masai geschenkt hatten. Am nächsten Morgen versuchten wir noch in der glühenden Hitze, ein Elefantenskelett zusammenzusetzen, welches ein paar hundert Meter von dem Camp entfernt lag. Wir fanden einige Teile, doch es machte keinem viel Spaß (wegen der Hitze).
Das waren die letzten Ereignisse von der Schule. Mir gefällt es jetzt ganz gut dort, wir haben gute Lehrer (bis auf die Geschichts- und Biologie- und auch Musik- und Kunst-Lehrer. Sie können die Klasse nie ruhig halten und unterrichten auch nicht allzu gut). Seit einigen Wochen helfe ich in der Schülerbücherei, die deutschen Bücher zu ordnen. Es macht mir viel Spaß!
In Old Moshi hat sich inzwischen auch noch einiges Neues zugetragen. Als die Eltern und Sonja in Machame, einem anderen Dorf am Kilimandscharo, für eine Nacht waren, bekam unsere Katze Molli" Junge, und zwar in meinem Bett! Am 24. November ist es passiert. Ich hatte die Katze mit ins Bett genommen, und am nächsten Morgen lagen fünf Katzen im Bett! Wie staunten die anderen Familienmitglieder, als ich ihnen die Geschichte erzählte!
Jetzt haben die Ferien angefangen. Am gleichen Tag kam auch Omi an, und jetzt genießen wir die Ferien sehr. Ich machte mein Bett um 50 cm höher (indem ich unten Eisenstäbe anmontierte) und kann jetzt vom Bett aus zum Fenster hinausschauen.
Außerdem kaufe ich viele Micky-Maus-Hefte (ich habe schon fast 100 englische!) /jetzt 106/ und baue die Hundehütte noch fertig. Der Hund hatte jetzt seinen 1. Geburtstag und bekam viel Fleisch als Geschenk.
