

21.05.1978 (Friedrich)
Nun leben wir schon ein halbes Jahr in Tansania. Heute erst mal ein Erzählbrief von Old Moshi, wo meine Schule liegt und wir auch wohnen.
Das Land am Kilimanjaro ist eigentlich eine einzige große Oase, die sich aus dem flachen trockenen Hochland erhebt. Von unseren Fenstern schauen wir weit hinaus in die unter uns liegende Ebene in Richtung Süden sind es zwischen 80 und 100 km weit! Das Haus, noch aus der deutschen Kolonialzeit, ist von hohen alten Bäumen umgeben, die in der langen Trockenzeit (Dezember bis Anfang März) herrlich Schatten geben. Wir wohnen also richtig im Grünen, 1100 Meter hoch; nur die Dächer einiger Nachbarhäuser schauen da und dort ein bisschen zwischen den Bananen hervor, sie liegen zerstreut zwischen den Anpflanzungen; in Deutschland würde man gar nicht von einem Dorf, sondern von Einzelgehöften, ähnlich wie in manchen Schwarzwaldgegenden, sprechen. Wir haben so das Gefühl, ganz für uns zu leben, obwohl die Gegend dicht besiedelt ist (400 Einwohner pro Quadratkilometer). Wenn wir auf einem der größeren Wege spazieren gehen, zweigen so alle 50 bis 100 Meter kleine Seitenpfade ab, an deren Ende der kleine Hof hinter vielen 2 bis 3 Meter hohen Bananenbäumen herausschaut. Da rennen dann überall kleinere Kinder heraus und rufen Mzungu, Mzungu" da sind Weiße". (Fortsetzung siehe Buch, Seite 31, über den Besuch beim Nachbarn).
Unser Nachbar gehört zu den reicheren Leuten hier oben, wie ich schon an seinem Haus sehen konnte. Auf der anderen Seite des Weges sei die Shamba seines Bruders, oberhalb von ihm die seines Vaters. Bei den Chagga erbt der jüngste Sohn den Hof des Vaters; da der Vater unseres Nachbarn aber nicht nur eine Shamba besitzt, kann er die anderen schon zu Lebzeiten an seine Kinder verteilen. Früher konnten die Söhne, die nichts bekamen, zum Häuptling gehen und um unbebautes Land bitten; jetzt wendet man sich an die Regierung, die Land in anderen Gegenden anbietet. So sind jetzt 500 Familien von hier dabei, die alte Heimat zu verlassen, um in der Nähe von Morogoro (westlich von Dar es salaam) Zuckerfarmen anzulegen. Natürlich gäbe es auch hier noch ein Auskommen für viele, aber der Besitz ist sehr ungleich verteilt, es gibt sehr Reiche und viele Arme, und der Weg zum tansanischen Sozialismus ist am Kilimanjaro besonders steil und steinig. Der Arbeiter auf unserer Schulfarm sagte mir gestern Nachmittag, als ich mit einer Klasse Unkraut hackte, er müsse jetzt nach Hause, er habe den ganzen Tag noch nichts gegessen. Viele Kinder laufen beim Grasschneiden vor unserem Haus in sehr zerrissenen und zerlumpten Hemdchen herum, manchmal kommen sie an die Tür und betteln Brot oder eine Mango. Den Arbeitern und teilweise auch den Lehrern der Schule fehlt's ewig an Bargeld, dann kommen sie pumpen; wir könnten hier eine Darlehenskasse aufmachen, wenn wir nicht versuchten, unserem guten Freund' erst dann wieder Geld zu leihen, wenn unser bester Freund' inzwischen zurückgezahlt hat. Aber dieses Prinzip lässt sich auch nicht immer durchhalten. Im Durchschnitt pflanzen die Leute hier 6 8 Ar Kochbananen zusammen mit Kaffee und noch etwa 3 Ar Mais an. Diese Menge Mais für den täglichen Maisbrei (Ugali) reicht nicht für das ganze Jahr, also müssen sie aus dem Kaffeegeld noch mehr Mais und Fleisch kaufen, dazu Schuhe, Tuch, Hacken und was sie sonst zum Leben und Arbeiten brauchen. Schlimm ist, dass die Preise für Nahrungsmittel und Haushaltswaren im letzten Jahr wieder um 12 % gestiegen sind.
Die Frauen haben hier ein besonders schweres Leben. Traditionell kriegen sie einen Haufen Kinder und tun die Hauptarbeit auf dem Feld. Jeden Tag begegnet man Scharen von ihnen, die einen Sack Mais auf dem Kopf zur Mühle schleppen und das Mehl um die Mittagszeit wieder zurücktragen, oft 6-8 km weit hinunter und ebenso weit wieder hinauf. Wenn wir von den Älteren welche im Auto mitnehmen (auf einem ziemlich holperigen, natürlich ungeteerten Weg!), sagen sie viele Male beim Aussteigen Mungu akubarikie" = Gott segne dich". In neuerer Zeit gehen viele Männer in der Stadt arbeiten, ganze Völkerwanderungen am Morgen, aber die meisten verdienen den seit einigen Jahren eingefrorenen Mindestlohn von 380 Schilling im Monat.
Regierung und Partei geben sich alle Mühe, der breiten Masse zu helfen, aber die Mittel sind allzu beschränkt, notwendige Einfuhren aus den Industrieländern z.B. infolge unserer hohen Löhne und Gewinne viel zu teuer; dazu gibt es auch hier viel Korruption und private Bereicherung. Aber das einfache Volk war ja schon zu allen Zeiten sehr geduldig. Außerdem wissen die Leute, dass die Regierung und vor allem der von allen geachtete und geehrte Präsident Nyerere sich ehrlich um eine Verbesserung der Lage bemühen. Gleich hinter unserem Garten ist ein Versammlungsraum der CCM (Revolutionspartei), die grüne Parteifahne mit der gelben Hacke und dem Hammer ist manchmal hinter den Bäumen zu erkennen. Dort werden die Leute immer wieder einmal zusammengerufen es geht da um bessere Schädlingsbekämpfung, Vorbeugung gegen Krankheiten, z.B. bei der jetzt abgeflauten Cholera, u. a. In der Umgebung sind auf Betreiben der Partei Werkstätten eingerichtet worden, in denen sich die Leute möglichst selbst versorgen sollen, z.B. mit Schuhen, oder die Mädchen lernen nähen, was die meisten Frauen bis jetzt nicht können. Eine Maismühle soll nun hier oben gebaut werden, allerdings von einer deutschen CVJM-Gruppe, die ihre Handwerker mitbringt. Das Problem ist, dass solche Tätigkeiten für die Leute völlig ungewohnt sind von ihrer Organisation und Buchhaltung ganz zu schweigen. Ich habe die Hoffnung, dass meine Schüler das auch bei mir ein bisschen besser lernen und diese Kenntnisse später dann wirklich zum Wohl der Landbevölkerung (95 % der Einwohner) und nicht zu ihrer privaten Bereicherung einsetzen. Um diese Art von Erziehung bemüht man sich hier unablässig; wenn sie fehlschlägt, waren alle Bemühungen vergebens, und die alte Ungerechtigkeit geht weiter.
Im nächsten Brief wohl wieder zu Weihnachten mehr von unserem eigenen Leben und von meiner Arbeit an der Kolila Schule, einer vierklassigen Wirtschaftsschule. Wir sind gesund und fühlen uns wohl.
02.06.1978 (Eberhard)
Ich möchte noch etwas über den Alltag in der Schule berichten:
- Das Schulgeld beträgt 3800 Schilling (=1000 DM) pro Person pro Term (ein Jahr hat 3 Terms), die Schule geht von Montag bis Freitag von 7.40 bis 13.00 Uhr. Somit beträgt das Schulgeld etwa 1 Pfennig in 19 Sekunden (was Dienste in Übersee" für uns bezahlt).
- Wir haben auch Deutschunterricht in der Schule. In so genannten Mother Tongue"-Stunden gibt uns eine deutsche Realschullehrerin, die auch hier wohnt, zweimal in der Woche je eine Stunde Deutsch. Bei etwa 10 deutschen Kindern in der Schule gibt es drei Gruppen, so dass in jeder Gruppe 3-4 gleichaltrige Kinder sind. Sonja ist in Gruppe 1, ich in der Gruppe für die Ältesten, der Gruppe 3, da einige noch ältere Deutsche keinen Unterricht bekommen. In meiner Gruppe bin ich nur mit einem anderen Mädchen zusammen, da alle anderen Deutschen meiner Altersstufe nach Deutschland zurückgekehrt sind. Frau Kilian, unsere Lehrerin, gibt auch Ausländern Deutschunterricht. Der Deutschunterricht kostet (natürlich) noch mal extra Geld.
- Zwei Mal in der Woche (zurzeit ist es mittwochs und donnerstags, als ich noch in der P6 war, war es montags und donnerstags) esse ich in der Schulkantine, in der auch die Boarders" (die Kinder, die in der Schule essen und wohnen) ihr Lunch" einnehmen. Gleich nach der Schule geht's in die Dining Hall", den Esssaal, wo Sonja und ich zu Mittag essen. Mittwochs habe ich am Nachmittag Sport. Früher war es Schwimmen, aber das Pool wird zurzeit repariert. Donnerstags habe ich Indoor Games", mein Hobby. Nächsten Term werde ich mir ein neues Hobby aussuchen, ich weiß nur noch nicht genau welches (vielleicht Briefmarken sammeln). Wir spielen meistens ein Spiel, das einer von uns mitgebracht hat, z.B. habe ich neulich Shopping Centre" mitgebracht, und es hat uns allen viel Spaß gemacht. Manchmal spielen wir auch Schach o. a. Das Mittagessen ist sehr gut, meistens gibt es Fleisch, Kartoffelmus oder Bratkartoffeln, zum Nachtisch meistens eine Banane, manchmal aber auch Pudding oder Obst.
Da ist das Essen hier oben in der Kolila Secondary School natürlich ganz anders. Hier kostet das Schulgeld für Boarders auch (nur) 2.100 Sh (= 550 DM) im Jahr, in der International School sage und schreibe Sh 54.000!!! (Ich weiß es nicht ganz genau, vielleicht waren es auch nur 18.000, was aber immer noch genügend ist!) Das Mittagessen hier oben besteht aus Ugali (das ist ein billiges Gemisch aus Mehl und Wasser) im Wechsel mit Reis, dazu gibt es etwas Gemüse von der Schulfarm - hier Shamba" genannt nur zweimal in der Woche Fleisch, und zum Trinken gibt es Wasser, das aber auch manchmal etwas knapp ist. Zum Abendessen gibt es dasselbe. In der International School gibt es zum Trinken Saft. Der Preis für ein Mittagessen in der Internationalen Schule beträgt Sh 7,50 (= DM 2,--), 10 Karten werden für 75 Schilling im Büro gekauft.
