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04.08.1980 (Gisela)
Ja, kleine Sachen gibt's hier auch teilweise nicht, aber aus anderen Gründen als in der DDR. Denn die Regierung bemüht sich hier in erster Linie, für die Lebensbedürfnisse des einfachen Volkes zu sorgen. Nicht kriegte ich hier: Haarbürste (die Afrikaner bürsten ihre Haare nicht); Häkelnadel, nachdem Sonja meine verbummelt hatte (die Afrikaner ); Korkenzieher (die einfachen Afrikaner trinken keinen Wein; die Inder, denen die Hardware Läden gehören, auch nicht, sie sind Hindus. Und die reichen Afrikaner besorgen sich so was bei ihrer Reise nach Europa). Genug.
Friedrich hat schon seit 10 Tagen die Sommerferien beendet. Heute war er von 7-19 Uhr auf dem Schulfeld beim Sonnenblumen ernten. Drum schläft er jetzt schon.
Habe inzwischen wissenschaftliche" Auskunft über Sonja, von meiner Ärztin: Größe Durchschnitt, Gewicht etwas darunter. Hatten schöne Ferienreisen mit Mutti. Jetzt gehe ich ab und zu mal afrikanische Nachbarn besuchen im Dorf.
07.09.1980 (Eberhard)
Vor 4 Tagen hat die Schule wieder angefangen, wir sind nur noch 21 Schüler in S4B (10. Klasse).
06.12.1980 (Friedrich)
(Große Teile dieses Briefes finden sich in Friedrichs Buch Briefe aus Afrika", Seite 74 bis 75)
Die Zeit meines und unseres Einsatzes in der Kolila Secondary School ist nun zu Ende. Ich werde das praxis- und gesellschaftsbezogene Lernen und Arbeiten an dieser Schule in Deutschland sicher ein wenig vermissen. Dieses Jahr haben wir einen Fischteich und eine 1,5 km lange Wasserleitung gegraben und gemeinsam mit einer deutschen CVJM-Gruppe aus Gelsenkirchen einen kleinen Staudamm gebaut, der die Wasser vom Kilimanjaro in unseren Gemüsegarten und Fischteich lenken wird. Ich glaube, das zehntägige Workcamp mit den deutschen Freunden bildete den Höhepunkt in den Ereignissen dieses Jahres. Auch in der eigenen kleinen Familie haben wir diesen Stil ein wenig praktiziert: Eine kleine Hühnerzucht wurde begonnen, an der vor allem Sonja viel Spaß fand, und wir ernteten wieder Mais und Gemüse in unserem großen Garten. Die Kombination von schön und nützlich hat mich befriedigt. (Fortsetzung im Buch, Seite 74)
Am weitesten sind Gisela, Sonja und Omi Bluth gereist: Bis an die Ufer des Tanganjikasees an der Grenze zu Burundi und Zaire. Ich selber habe mit ehemaligen Böblinger Schülern, die sich mit Sammlungen für Kolila engagiert hatten, mit Heike, Karen, Uwe, Dieter und Peter, das Landesinnere gesehen: Dodoma, die künftige Hauptstadt, im trockenen Hochland, das sehr eindrucksvolle Ujamaa-(=Gemeinschafts-)Dorf Mpunguzi südlich von Dodoma und einen Teil der riesigen Masaisteppe, in die uns Pfarrer Köbler mit seinem Landrover hineinschauen ließ. Geplant ist für nächste Woche noch eine 5-Tagesreise in die Usambaraberge an der kenianischen Grenze, wo Eberhard und ich die deutsche Kolonie' besuchen wollen. Eberhard war übrigens der große Bergsteiger der Familie: Er hat mit der Internationalen Schule mehrere Male den Kilimanjaro und auch den Mount Meru bei Arusha bestiegen und eindrucksvolle Fotos gemacht.
Ebenso eindrucksvoll waren die vielen neuen Begegnungen mit Afrikanern (Fortsetzung siehe Buch, Seite 74).
Nach langem Warten erhielten wir erst diese Woche den Bescheid, dass Gisela eine Stelle am Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung" der Kirche (Geschäftsstelle Stuttgart) bekommen wird. Wir freuten uns sehr darüber, denn so kann sie die bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse optimal in ihre künftige Arbeit einbringen. Unser künftiger Wohnort und die Schule für mich und die Kinder (Sonja kommt jetzt ins Gymnasium) steht noch nicht fest; wir werden aber die Wohnung in Böblingen als zweiten Wohnsitz beibehalten und werden so mit den Böblinger Freunden und ihrer Arbeit fest verbunden bleiben. Ich selber werde ans Gymnasium zurückkehren, freilich mit veränderten Fragestellungen; in Fächern wie Literatur und Philosophie ist das ja leichter möglich als in den Naturwissenschaften, ja sogar wünschenswert. Ich will da ein bisschen versuchen, persönliche Prioritäten klären zu helfen. Darüber hinaus scheint mir als Ergebnis der 3 Jahre Afrika ein direktes politisches Engagement unumgänglich.
Der größte Ansporn dieses Jahres (Fortsetzung im Buch, Seite 74 unten)
Geschäftige öffentliche Aktivitäten liegen mir ja nicht, aber in einem entwicklungspolitischen Arbeitskreis einer Partei mitarbeiten möchte ich auf alle Fälle.
08.12.1980 (Eberhard)
Morgen fahre ich mit Vati in die Usambaraberge.
Es ist jetzt 12.30 Uhr, und um 18 Uhr muss ich die Filmvorführung in der Schule vorbereiten. Es sind zwar Schulferien in Kolila (seit Samstag 6.12. auch an der ISM), aber da wir 23 (!) Filme von verschiedenen Botschaften in Dar es salaam bekommen haben, will ich wenigstens einige gute davon noch in der Schule den Dorfkindern und Erwachsenen zeigen. Ich bin gespannt, wie viele Leute kommen. Jetzt aber weiter mit Erzählungen; ich bin ja immer noch bei Februar 1980!
Am 9. Februar 1980 war wieder der jährliche Walkathon" am TPC, der großen Zuckerplantage ca. 20 km südlich von Moshi. Dieses ist eines der Hauptereignisse im Schuljahr, und so ist es schade, dass ich 1981 nicht mehr mitlaufen kann. Der Zweck des Walkathon ist es, für die Schule Geld zu erhalten. Jeder Teilnehmer sucht Leute, die ihm für jeden gelaufenen km Geld bezahlen. Das Geld erhält dann die ISM. Die Strecke war 25 km lang. Ein sechsjähriges Mädchen bekam 400 shs pro km (von reichen Indern) und brachte so der Schule 15.000 shs (= DM 3.200), da es natürlich alle 25 km laufen musste". Ich bekam 4 shs pro km. Die meisten Teilnehmer betrachteten das Ganze als einen Familienspaziergang und nahmen sich viel Zeit. Ein paar Idioten (z.B. ich) versuchten, die ganze Strecke so schnell wie möglich zu laufen. Leider verlief ich mich und meine Zeit wurde nicht gezählt, was das Ganze etwas verdarb. Trotzdem schaffte ich dann etwa 28 km in 2 ½ Stunden. (Zwischendurch wurde ich mit dem Auto wieder auf die richtige Strecke zurückgefahren). Mutti und Sonja machten es nicht so schnell, sondern brauchten etwa 7 Stunden und wurden die Letzten (von etwa 300 Teilnehmern). Zusammen brachte der Walkathon der Schule etwa 150.000 shs ein (= DM 32.000), die für den Bau einer neuen Mehrzweckhalle verwendet werden. (Baubeginn August 1980).
Eine Woche später, am 16. Februar 1980, war über Moshi eine totale Sonnenfinsternis. Sicher habt ihr im deutschen Fernsehen mehr davon gesehen als wir, die nur für einige Minuten im Dunkeln standen. Von Moshi aus war sie angeblich gut zu sehen, aber über Old Moshi lag eine Wolkendecke, die Sonne und Mond verdeckte. Unheimlich war es doch, besonders den Afrikanern hier, die darauf kaum vorbereitet waren. Es hatte aber auch eine lustige Seite: auf einem Markt in der Nähe nutzten einige Jugendliche die Situation und stahlen in der Dunkelheit ein paar Früchte.
Vom 16.-19. Februar waren Half-Term-Ferien. Am darauf folgenden Samstag (23.2.) ging ich dafür zum ersten und einzigen Mal in Afrika an einem Samstag in die Schule. Nicht, dass der Tag besonders war Es war wie an jedem Montag, denn wir hatten den Stundenplan von Montag, an dem einmal die Schule ausgefallen war.
Die Klassenausflüge in Nairobi sowie in P5 bis S1 waren immer nur 1 bis 2 Tage lang gewesen. Auch in der S2 musste der Ausflug nach Pangani gestrichen werden, und stattdessen ging es an einem Abend ins Mt. Meru Hotel in Arusha. In der S3 war es dann endlich soweit: Vom 29. Februar bis 3. März war unser großer Klassenausflug nach Pangani. Pangani ist ein kleines Dorf am Indischen Ozean, bei dem die ISM ein Ferienhaus hat. Pangani liegt zwischen Tanga und Dar es salaam, ca. 40 km südlich von Tanga. Der Nachteil ist, dass 2 von den 4 Tagen fast ausschließlich für die Hin- und Rückfahrt benötigt wurden. Wir fuhren also am Morgen des 29.2. (Freitag) in einem gemieteten Bus von der Schule los. Wir waren etwa 40 Schüler (d.h. fast alle aus S3A und S3B zusammen) und 4 Lehrer. Die Fahrt war mehr oder weniger gemütlich, und gegen 2 Uhr kamen wir im brühend heißen Tanga an. Wir verbrachten unseren Aufenthalt dort hauptsächlich in kleinen (Eis)Cafés. Ein Mitschüler (Danny) kaufte auch eine Zahnbürste, die er vergessen hatte mitzunehmen. Ich fand leider keinen MM-Laden (Micky-Maus). Erst um 5 Uhr waren wir in Pangani, denn die Straße von Tanga nach Pangani ist nicht geteert und ziemlich schlecht. Rund um das Schulhaus wurden dann die Zelte aufgebaut (leider hatte ich keine Kamera dabei), und manche von uns gingen dann abends noch schwimmen. Nach dem Abendessen saßen wir noch etwas vor einem Feuer. Ich schlief dann zusammen mit Danny in einem Fünfmannzelt, das wir wegen der Hitze natürlich offen ließen. Die anderen schliefen entweder zu zweit in einem Eineinhalbmannzelt oder auf der Veranda des Hauses auf Matratzen oder (3 Dänen) in einem fast verschlossenen Zelt, was wen wundert's ? bei 30°C und hoher Luftfeuchtigkeit ziemlich ungemütlich war. Am nächsten Morgen gingen wir erst schwimmen, und dann fuhr ein Teil der Gruppe mit dem Bus die 5 km bis Pangani. In Pangani war nicht viel los. Ich konnte niemanden finden, der mit mir über den Pangani-Fluss mit einer Fähre fahren wollte (der Fluss ist etwa 50 m breit an dieser Stelle ca. 1 km von seiner Mündung entfernt). So lief ich etwas in der Innen-stadt" herum, was etwa ½ Stunde dauerte. Da nichts los war, kauften sich alle einige Kekse und etwas Saft und warteten auf die Rückfahrt. In Pangani gibt es übrigens noch eine alte deutsche Boma" (Verwaltungsgebäude der Kolonialzeit). Am Nachmittag schwammen wir, spielten Boccia oder machten gar nichts. Das Abendessen machte wieder der Koch, den wir aus Moshi mitgebracht hatten. Am Abend gab es dann wieder Feuer und Erdnüsse. Georg hatte sich einen Fisch gekauft aus Wut darüber, dass er nichts gefangen hatte. Der wurde auch gleich gebraten. Am nächsten Tag folgte ein Ausflug zu einer kleinen Insel an der Küste. Wir fuhren von Pangani aus mit einem Boot hin. Auf der Fahrt wurden einige (fast) ziemlich seekrank. Man sah an der Mündung des Pangani auch ein altes (portugiesisches oder deutsches?) Fort. An diesem Tag erlebte ich zwei Sachen zum ersten Mal in meinem Leben, a) ich badete in sagenhaft klarem und warmem Wasser. Der Sand war der weißeste, den ich je gesehen hatte; b) ich bekam den größten Sonnenbrand in meinem Leben. Es war so schlimm, dass mir am Abend ziemlich schlecht war. So ging ich früh schlafen und nahm auch nicht an dem kleinen, improvisierten und inoffiziellen Tanz teil. Sogar viele Tage später tat es noch weh, und am nächsten Tag im Bus konnte ich kaum aufrecht sitzen. Wir fuhren dann am Montag, den 3. März, wieder ab in Richtung Moshi. Dieses Mal ging es nicht über Tanga, sondern auf einem kleinen Weg (einer Abkürzung") direkt nach Moshi (siehe Karte im Originalbrief). Der Erfolg war, dass wir uns verfuhren, wodurch die Zeit, die wir einsparen wollten, wieder verloren war. Außerdem fuhren wir nicht an Tangas kalten Getränken vorbei, so dass wir ziemlich Durst bekamen. In Muheza fanden wir schließlich einen Mann, der lauwarme Coca Colas verkaufte. Auf dem Rest der Fahrt ernährten wir uns noch von so genannten Hundekuchen", d.h. trockenen Keksen aus Honig, Mehl und Wasser, von der ISM gebacken und in zwei 20-Liter-Eimern mitgebracht. Wir waren froh, als wir in der Abenddämmerung wieder in Moshi ankamen. Immerhin war es ein Klassenausflug gewesen. In der S4 wird er erst im 2. Term (nach Weihnachten) sein, so dass ich nicht mitfahren kann.
In Berlin will ich hauptsächlich mit den Eltern in Kaufhäusern rumlaufen. Was ich sonst noch machen will, können wir ja sehen, wenn ich da bin.
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